Archiv für April 2009

Automatismen in der Fotografie – Fluch oder Segen?

Diese zugegeben doch sehr reißerische Frage lässt sich gar nicht so leicht beantworten. Und weil vielleicht auch nicht jeder versteht wie ich darauf komme und was ich damit meine, möchte ich das zunächst mal kurz erklären.

Was sind Automatismen in der Fotografie?

Jeder der eine Weile fotografiert, merkt irgendwann, dass sich gewisse Dinge so nach und nach ‘einspielen’. Man muss über bestimmte Schritte nicht mehr nachdenken, sondern man führt sie einfach aus. Aus Gewohnheit sozusagen. Das kann z.B. das Einlegen und Formatieren der Speicherkarte sein, das Auswählen des Belichtungsprogramms, das Aufbauen von Equipment usw.

Besonders aufgefallen sind mir diese Gewohnheitshandgriffe bei meiner Arbeit im Studio. Lampen stehen bereits aufgebaut und betriebsbereit an bestimmten Positionen und Belichtungseinstellungen an der Kamera sind voreingestellt, sodass schnelles Arbeiten möglich ist. Man nimmt die Kamera in die Hand und kann nach wenigen, selbstverständlichen Handgriffen drauf los schießen.

Das ist doch gut, oder?

Auf der einen Seite: ein ganz klares JA! Automatismen haben was für sich. Man braucht im Umgang mit Kamera und Licht nicht lange nachzudenken, kann sich z.B. mit der Person, die vor der Kamera sitzt auseinandersetzen und kommt ziemlich schnell zu brauchbaren Ergebnissen.

Aber das war es dann auch schon. Die Ergebnisse sind eben nur brauchbar. Ich hatte vor kurzem im Studio so ein Aha-Erlebnis und hab mir dann mal ganz bewusst Zeit genommen, um die Aufnahmesituation nochmal zu überdenken. Warum setze ich das Licht so wie ich es gerade mache. Warum nehme ich diese Belichtungseinstellungen. Könnte man die Aufnahme vielleicht auch anders gestalten? Was passiert, wenn ich einen Schritt zur Seite gehe? …das Licht anders setze? … eine andere Optik benutze?

Fazit

Ich finde Automatismen zu einem gewissen Grad nützlich und auch notwendig, da man sich nicht immer mit technischem ‘Kleinkram’ auseinandersetzen kann. Allerdings sollte man von Zeit zu Zeit seine Gewohnheiten überdenken, denn zu viele Automatismen sind auch nicht gut. Man produziert immer ähnliche Bilder, verlernt das fotografische Denken und kommt nicht richtig voran.

Wie seht Ihr das? Habt Ihr ähnliche Erfahrungen gemacht? Hinterlasst einen Kommentar oder schreibt mir eine Email.

Quicktipp: Motive wie eine Kamera ’sehen’

Dass es zwischen der Wahrnehmung eines Motivs durch unser Auge und der Aufnahme durch die Kamera einen großen Unterschied gibt, sieht man spätestens dann, wenn man sich seine Bilder am Bildschirm ansieht. Das hängt damit zusammen, dass unser Auge nicht wie ein Objektiv funktioniert, und das, obwohl Auge und Objektiv sehr viel gemeinsam haben. Beide besitzen z.B. eine Blende (Iris), allerdings kann das Auge die Blende blitzschnell schließen und wieder öffnen, um so auf etwaige Änderungen der Lichtverhältnisse zu reagieren. So kann unser Auge Motive mit hohem Kontrastumfang besser verarbeiten als eine Kamera, da wir selbst in den tiefsten Schatten und in den spitzesten Lichtern (scheinbar) gleichzeitig noch Details erkennen können, während die Kamera z.B. die Schatten nur als dunkle Flächen darstellt.

Tipp

Um nun ein Motiv so zu sehen wie Eure Kamera, kneift das nächste Mal vor der Aufnahme einfach mal die Augen zusammen und betrachtet Euer Motiv nochmal. Natürlich ist das nur eine Annäherung an das, was die Kamera in diesem Moment ‘sehen’ würde. Allerdings hilft dieser kleine Trick dabei, die Lichtverteilung besser einzuschätzen und schon vorher evtl. problematische Motivteile zu erkennen. So könnt Ihr beispielsweise zu dunkle Stellen im Bild erkennen und Gegenmaßnahmen einleiten, z.B. durch den Einsatz von Blitzlicht oder Reflektoren.